Dr. Benker: "Egal ob wir eine Sprache oder eine Kultur teilen: Menschen kümmern sich umeinander"
© Dr. Martina Benker
Liebe Martina, Du warst in diesem Jahr in 2 Einsätzen mit den Swiss Doctors. Wie kam es dazu, dass Du sogar zweimal in den Einsatz gegangen bist?
Das war tatsächlich eine relativ spontane Fügung von Umständen. Der Einsatz auf den Philippinen war weit im Voraus geplant. Ich wusste, dass ich mir 2025 Zeit für Freiwilligenarbeit nehmen wollte, hatte mich bereits Anfang 2024 beworben und bin nach der Zusage durch alle Vorbereitungsschritte gegangen – Seminare, Impfungen und die administrativen Aufgaben.
Zwei Tage vor dem Abflug war ich auf der Einsatzplanungs-Plattform, um Unterlagen auszudrucken. Dabei sah ich, dass in Indien noch ein Slot in naher Zukunft unbesetzt war. Ein Blick in meine Agenda zeigte, dass ich in dieser Zeit komplett frei wäre. Also habe ich mich kurzerhand beworben – und vier Monate sowie einen Einsatz auf den Philippinen später ging es bereits weiter nach Kolkata.
Was war Deine Motivation, einen ehrenamtlichen humanitären Einsatz zu machen?
Als Jugendliche wurde mir bewusst, wie gross die Unterschiede der Lebensbedingungen sind – abhängig davon, wo man geboren wird. Rein aufgrund der Geburtslotterie. Zunehmend verstand ich auch, dass unsere Lebensweise und unsere Systeme wesentlich dazu beitragen, dass diese Schere immer weiter auseinandergeht. Diese Ungerechtigkeit war für mich inakzeptabel.
Also begann ich, wo immer möglich, meine Privilegien einzusetzen, um dieser Willkür der Geburtslotterie etwas entgegenzusetzen. Ich engagierte mich zu Hause für Jugendliche und half später in verschiedenen Flüchtlingscamps in Frankreich und Nordgriechenland. Auch das Medizinstudium stand klar unter dieser Motivation.
Als ich dann endlich genug Berufserfahrung gesammelt hatte, um vor Ort tatsächlich eine Hilfe zu sein, war ein freiwilliger Einsatz als Ärztin für mich das Natürlichste auf der Welt.
Du warst ja an 2 verschiedenen Orten; auf den Philippinen und in Indien. Kannst Du uns schildern, was Deine wichtigsten Eindrücke waren?
Erster Eindruck: Es gibt kein „normal“.
Vor meinem Einsatz in den Philippinen war ich noch nie in Asien gewesen, meine Ankunft in Manila war also mein erster Berührungspunkt. Auf dem Weg von der Millionenstadt bis zu unserem sehr abgelegenen Projektstandort sah ich überall Kühe und Wasserbüffel. Und so dachte ich in meiner naiven, schweizerischen Art: Bestimmt gibt es hier eine grosse Milchindustrie.
Mein Erstaunen war entsprechend gross, als ich erfuhr, dass Milch in dieser Region ein luxuriöses Importgut ist. Die Übersetzerin erklärte mir, dass das Klima und die Art der Tierhaltung – frei grasend auf den Reisfeldern – keine saubere Milchproduktion zulassen.
In diesem Moment wurde mir bewusst, wie begrenzt mein gut gemeinter „gesunder Menschenverstand“ ist, wenn man ihn auf völlig andere Lebensrealitäten anwendet.
Und so lernte ich eine einfache, aber weitreichende Lektion: Es gibt kein universelles „normal“.
Der zweite Eindruck war einer, den ich schon aus meiner Zeit in den Flüchtlingsunterkünften kannte – und der dennoch jedes Mal wieder tief berührt: Menschen helfen gerne. Kultur- und länderübergreifend, selbst wenn sie selbst kaum Ressourcen haben.
Am eindrücklichsten erlebte ich das auf meinen Joggingrunden. In Indien wurde ich regelmässig von Müttern gestoppt, die Sorge hatten, ich hätte nicht genügend gegessen, und mich überreden wollten, mich hinzusetzen und zu frühstücken. Später am Tag behandelte ich sie und ihre Familien in der Klinik aufgrund von Mangelernährung.
Auf den Philippinen hielt fast jeder Tricycle-Fahrer an, um mir eine Mitfahrgelegenheit anzubieten. Am selben Tag wurde mir gesagt, dass man ein Kind für eine lebensnotwendige Operation nicht in die Stadt fahren könne – das Geld dafür fehle. Egal ob wir eine Sprache oder eine Kultur teilen: Menschen kümmern sich umeinander.
Sicher gab es auch Herausforderungen; kannst Du uns schildern, worin diese bestanden?
Es gab viele alltägliche Herausforderungen: Häufige Stromausfälle, blockierte Strassen, kein Trinkwasser oder warmes Wasser aus dem Hahn zu haben, das Essen, die Tiere und Insekten überall, Moskitos, die Hitze. Alles war anders als zu Hause – und vieles davon anstrengend.
Am schwierigsten war für mich jedoch etwas anderes: mir bewusst zu sein, dass ich freiwillig dort war. Ich wusste, dass ich am Ende des Einsatzes ins Flugzeug steige und kurz darauf wieder unter meiner eigenen warmen Dusche stehe. Die Menschen vor Ort nicht – für sie ist das der Alltag, ohne Ausweichmöglichkeit. Diese Diskrepanz auszuhalten, war für mich die grösste Herausforderung.